Primetime – Robert Pattinson spielt um sein Leben

Wohl kein Film des diesjährigen Filmfestivals in Venedig wurde dermaßen gespannt erwartet, die Tickets für keinen Film derart heiß umkämpft wie für „Primetime“. Schon mittags stehen die Fans vor dem Red Carpet vor der Sala Grande in mehreren Reihen – bei erbarmungslosen 31 Grad. Gleichzeitig wird unermüdlich die Ticketpage aktualisiert, in der Hoffnung, vielleicht doch noch Zugang für die Samstagabend-Premiere zu ergattern.

Kein Wunder: Bei „Primetime“ kommen gleich mehrere der derzeit interessantesten Namen aus Film und Musik zusammen. A24, das derzeit gefeiertste und innovativste Studio der Welt, hat den Film produziert. Robert Pattinson, der seit „Twilight“ die Teenagerherzen höherschlagen lässt, ist längst zum ernstzunehmenden Schauspieler avanciert und erlebt gerade den Lauf seiner Karriere – allein in diesem Jahr ist er neben „Primetime“ auch in „The Drama“, „The Odyssey“ und „Dune: Part Three“ zu sehen. Dazu kommt Phoebe Bridgers, eine der derzeit angesagtesten US-amerikanischen Indie-Musikerinnen, die nach ihrem von der Kritik gefeierten, gerade erschienenen neuen Album nun ihre erste größere Filmrolle übernimmt. Und dann war da noch dieser Trailer: der meistgesehene Trailer in der Geschichte von A24 und ein ziemlich eindeutiges Versprechen, dass hier etwas Besonderes auf Venedig zukommt.

Die Stimmung vor der Premiere ist entsprechend aufgeladen. Die Fans kreischen abwechselnd „Phoebe!“, „Robert!“ und, sobald Pattinsons ebenfalls anwesende Partnerin Suki Waterhouse auftaucht, auch deren Namen. Die große Frage lautet also: Kann „Primetime“ diesen Erwartungen überhaupt gerecht werden?

So viel vorab: Ja. Oppenheims erster Ausflug ins fiktionale Kino kann diesen Erwartungen sehr wohl gerecht werden.

Ein Skandal wird zum Medienspektakel

Basierend auf einer wahren Geschichte rekonstruiert „Primetime“ den Skandal um das US-amerikanische TV-Format „To Catch a Predator“, das ab Mitte der 2000er-Jahre weltweit Diskussionen über journalistische Verantwortung und die Grenzen medialer Inszenierung auslöste.

Robert Pattinson spielt Chris Hansen als nach Ruhm und Einschaltquoten gierenden Showmaster, dessen vermeintlicher Kampf für Gerechtigkeit zunehmend von Ehrgeiz und einer fast wahnhaften Obsession überschattet wird. Pattinson ist dabei fantastisch und zeigt vermutlich die beste Leistung seiner bisherigen Karriere.

Doch auch Skyler Gisondo könnte mit seiner Rolle auf dem Weg zu einigen Auszeichnungen sein. Wie Phoebe Bridgers spielt auch er einen Lockvogel – genauer gesagt Dan, einen jungen Schauspieler, der sich während der Razzien als Minderjähriger ausgibt, um die Männer in die Falle zu locken. Seine Geschichte macht die psychische Belastung dieser Arbeit sichtbar und stellt gleichzeitig die ethisch höchst fragwürdigen Methoden des Formats infrage. Gisondo gehört zu den großen Überraschungen des Films und zeigt eine der stärksten Leistungen des Ensembles.

Zuschauen, obwohl man nicht zuschauen sollte

„Primetime“ ist nicht nur ausgesprochen spannend, sondern stellt auch unangenehme Fragen: Wo endet Aufklärung und wo beginnt Ausbeutung? Wird hier tatsächlich etwas Gutes getan – oder wird menschliches Fehlverhalten lediglich zur Unterhaltung eines Millionenpublikums gemacht? Oppenheim legt sich auf keine einfache Antwort fest und zwingt sein Publikum stattdessen, die moralische Ambivalenz dieses modernen Medienspektakels auszuhalten.

Besonders stark ist dabei die visuelle Umsetzung. David Bolens Kameraarbeit ist stellenweise fast noch faszinierender als die Handlung selbst. Alles wirkt emotional leicht übersteuert: harte Farben, tiefe Schatten, Gesichter, die immer wieder von der Dunkelheit verschluckt werden. Die Kamera hat etwas Invasives, als würde man ständig aus einem Winkel zuschauen, aus dem man eigentlich nicht zuschauen dürfte.

Dazu kommen die klaustrophobischen Bildkompositionen, die aufwendig inszenierte Kinobilder mit der verstörenden Ästhetik von Überwachungskameras und dem Look des Reality-TVs der späten 90er- und frühen 2000er-Jahre verbinden. Das retrohafte 4:3-Bildformat verstärkt diesen Eindruck noch und lässt „Primetime“ aussehen wie eine besonders düstere Version jener Fernsehwelt, die der Film gleichzeitig rekonstruiert und seziert.

Das spannendste Experiment des Festivals

Gerade formal ist „Primetime“ deshalb einer der ambitioniertesten und originellsten Filme dieses Jahrgangs. Oppenheim findet eine eigene Bildsprache für eine Geschichte, in der es permanent um das Beobachten, Aufzeichnen und Ausstellen anderer Menschen geht – und macht das Publikum dabei selbst zum Voyeur.

Und dann gibt es zum Abspann auch noch einen neuen Phoebe-Bridgers-Song, den sie eigens für den Film geschrieben hat. Perfekter wird es in Venedig dieses Jahr wohl nicht mehr.

Der Film läuft ab dem 24. September in den deutschen Kinos. 

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