Giulia Parmigiani

„Oasis: Don’t Look Back in Anger“: Die Gallagher-Brüder sind zurück und machen selbst Venedig sentimental

Am Samstag des Filmfestivals in Venedig geht ein Highlight ins nächste über: Nachdem Robert Pattinson und Phoebe Bridgers den roten Teppich gerade für ihre gefeierte „Primetime“-Premiere verlassen haben, übernehmen die Bucket Hats. Der gesamte Lido ist plötzlich voller Fans in Oasis-Merchandise, überall liegt eine gewisse Anspannung in der Luft: Werden Liam und Noel Gallagher tatsächlich zur Weltpremiere ihrer neuen Doku erscheinen? Werden sie gar gemeinsam über den roten Teppich laufen, sich auf der Pressekonferenz den Fragen der Journalisten stellen – vielleicht sogar mit einem Wassertaxi ankommen?

Zumindest einige dieser Fragen sind schnell beantwortet. Mittags skippen die Gallagher-Brüder kurzerhand ihre eigene Pressekonferenz und fahren stattdessen zeitgleich mit einem Vaporetto am Lido vor, während im Pressesaal dutzende enttäuschte Journalisten auf sie warten. Für Oasis gegen die Presse steht es da also schon einmal 1:0.

Am Abend lassen die Brüder dann auch am roten Teppich so lange auf sich warten, dass erste Gerüchte die Runde machen, die beiden würden gar nicht mehr erscheinen. Doch kurz vor knapp tauchen Liam und Noel tatsächlich auf – gemeinsam, bestens gelaunt und offensichtlich ziemlich glücklich, wieder nebeneinander zu stehen. Sie posieren für die Kameras, schreiben Autogramme, und aus den Boxen am Red Carpet schallen ihre größten Hits. Als Oasis-Fan bekommt man langsam das Gefühl: Das könnte ein ziemlich grandioser Abend werden.

Und man sollte recht behalten.

15 Jahre später

„Don’t Look Back in Anger“ der Regisseure Dylan Southern und Will Lovelace begleitet die Gallagher-Brüder bei ihrer „Oasis Live ’25“-Reunion-Tour – dem Comeback, auf das Fans weltweit kaum mehr zu hoffen gewagt haben. Im Zentrum steht dabei nicht nur die ausverkaufte Tournee, sondern vor allem die Beziehung zwischen Liam und Noel: Nach 15 Jahren Funkstille stehen die beiden plötzlich wieder gemeinsam im Proberaum.

Die Kamera ist dabei so nah dran, dass man nicht nur die Musik, sondern auch die Blicke und kleinen Reaktionen zwischen den beiden mitbekommt. Und vor allem Noel sieht so glücklich aus, wie man ihn vermutlich noch nie gesehen hat. Es ist ein ungewohntes Bild von einem Mann, der seine Emotionen sonst gerne hinter trockenen Sprüchen und einer demonstrativen Gleichgültigkeit versteckt.

Auch die Interviews mit den Brüdern sind ziemlich charmant. Liam bleibt Liam, Noel erklärt mit gewohnt trockenem Humor, warum er eigentlich gar nicht so gleichgültig ist, wie er gerne tut: „You have to fucking care a lot to not give a fuck.

Oasis auf der großen Leinwand

Musikalisch macht der Film ohnehin alles richtig. Der Sound ist kristallklar, die Konzertaufnahmen fühlen sich fast so an, als würde man selbst im Publikum stehen. 

Ganz ohne Kitsch kommt die Oasis-Doku allerdings nicht aus. Ganz so viele Fans aus allen Ecken der Welt, die ausführlich erzählen, wie sehr die Band ihr Leben verändert haben, hätte es nicht gebraucht. Da werden Hunde nach Bandmitgliedern benannt, beim Tauchen an Oasis gedacht und persönliche Schicksale mit der Musik der Gallagher-Brüder verbunden. 

Denn „Don’t Look Back in Anger“ hat auch jenseits dieser Fan-Bekenntnisse einiges zu erzählen. Über Brüder, die sich jahrelang aus dem Weg gegangen sind. Über Stolz, Vergebung und die Möglichkeit, nach all den Jahren doch noch einmal gemeinsam auf einer Bühne zu stehen. 

Am Ende singt der ganze Kinosaal „Don’t Look Back in Anger“, die meisten Zuschauer haben Tränen in den Augen, und die Brüder lassen sich minutenlang feiern. Zumindest für diesen einen Abend in Venedig fühlt es sich tatsächlich so an, als würden Liam und Noel nie wieder aufhören Oasis zu sein.

Die Dokumentation läuft weltweit am 11. September in den Kinos an.

4.5