© Giulia Parmigiani, Walt Disney, Searchlight Pictures

Wild Horse Nine – Premiere mit Heimvorteil

Was für ein genialer Schachzug, die Weltpremiere dieses Films in Venedig zu zeigen. „Venedig, ITALY” – wie der von John Malkovich gespielte Protagonist immer wieder betont, offenbar aus Angst, jemand könnte die Stadt mit einem anderen  „Venedig” verwechseln, ist der Sehnsuchtsort des sterbenden CIA-Agenten aus „Wild Horse Nine”, der seine letzten Minuten am liebsten auf einer Gondola verbringen würde.

Kein Wunder also, dass das Publikum in dem ausverkauften Sala Grande bei der Weltpremiere von Martin McDonaghs neuestem Streich jedes Mal in Jubel verfällt, wenn die Stadt aufs Neue schwärmerisch erwähnt wird. Immerhin hat man es nicht nur in eine der schönsten Städte Italiens geschafft, sondern befindet sich auf dem Lido, im Hauptpalast eines der berühmtesten Filmfestivals der Welt und auf den Rängen hinter einem versammelt sich zum Festival-Donnerstag ein beachtliches Staraufgebot: Neben John Malkovich, Sam Rockwell, Steve Buscemi und der spätestens seit der aktuellen „The White Lotus“-Staffel zur Ikone aufgestiegenen Parker Posey sitzen auch McDonaghs Lebenspartnerin, die begnadete Regisseurin und Schauspielerin Phoebe Waller-Bridge, sowie Sam Rockwells ebenfalls seit „The White Lotus“ gefeierte Partnerin Leslie Bibb im Saal.

Und auch vom Film darf man neben Venedig-Anspielungen einiges erwarten: McDonaghs Werke gelten verlässlich als Oscar-Anwärter, sein Meisterwerk „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ verhalf Frances McDormand und Sam Rockwell zu Academy Awards, „The Banshees of Inisherin“ erhielt zuletzt gleich neun Oscar-Nominierungen. Aber zurück zu  „Wild Horse Nine”.

CIA-Agenten auf der Osterinsel

Kurz vor dem Militärputsch in Chile im Jahr 1973 werden die CIA-Agenten Chris (John Malkovich) und Lee (Sam Rockwell) von ihrem Chef MJ (Steve Buscemi) von Santiago auf die Osterinsel geschickt. Vor der spektakulären Landschaft und den ikonischen Moai-Statuen sinniert Chris, dessen Gedächtnis zunehmend versagt, über seine letzten Jahre und die eigene Vergänglichkeit. Chris hat nicht nur beschlossen, seine Memoiren über seine Zeit bei der CIA zu schreiben, er erzählt – sehr zum Leidwesen seines Freundes und Partners Lee – auch wildfremden Menschen von seinen diversen Auftragsmorden und Geheimoperationen. Und all das, während das Drehbuch versucht, den Rekord dafür aufzustellen, wie oft man in einem Film „fuck“ sagen kann…

McDonagh macht, was McDonagh eben macht

So unterhaltsam und kurzweilig „Wild Horse Nine“ ist und so exzellent der Cast funktioniert: Die Buddy-Komödie mit einem jüngeren und einem älteren Freund wirkt bei McDonagh inzwischen etwas zu vertraut. Zwei kaputte Männer, die sich gegenseitig auf die Nerven gehen, während sie über Schuld, Tod und ihre eigene Unfähigkeit sprechen: Das hat McDonagh in „Brügge sehen… und sterben?“ bereits perfektioniert und mit „The Banshees of Inisherin“ noch einmal variiert. „Wild Horse Nine“ fügt diesem bekannten Muster zwar neue (spektakuläre!) Schauplätze und Figuren hinzu, erfindet es aber nicht wirklich neu.

John Malkovich in Bestform

Was den Film trotzdem trägt, ist vor allem John Malkovich. Mit sichtlichem Vergnügen spielt er einen Mann, dessen Geist langsam zerfällt und in dem irgendwo unter der jahrzehntelangen Gewalt, der Paranoia und der professionellen Gefühlskälte noch ein letzter Rest Menschlichkeit steckt.

McDonaghs unangefochtenes Meisterwerk bleibt „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“: An diese Mischung aus schwarzem Humor und emotionaler Wucht kommt „Wild Horse Nine“ nicht heran, funktioniert aber dank seines großartigen Casts und vor allem dank eines John Malkovich in Bestform trotzdem hervorragend.

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