Redline Entertainment

The Basics of Philosophy – Paul Schrader fabriziert Telenovela-Niveau

Hatte man sich am Tag zuvor beim Filmfestival in Venedig bei Werner Herzogs „Bucking Fastard“ schon gefragt, ob einst gefeierte Filmemacher in hohem Alter bei Filmfestivals eigentlich einen Freifahrtschein haben, drängt sich spätestens beim neuesten Film des 80-jährigen Paul Schrader endgültig die Frage auf, ob diese Herren noch irgendeine Form der angemessenen Selbsteinschätzung besitzen – und vor allem, wer solchen Mumpitz überhaupt ins Festivalprogramm aufnimmt. Dass Alberto Barbera gleichzeitig behauptet, die Qualität der eingereichten Filme weiblicher Regisseurinnen habe in diesem Jahr nicht für mehr als einen Film im Wettbewerb ausgereicht, wirkt in diesem Zusammenhang fast schon zynisch.

Bei Paul Schraders „The Basics of Philosophy“ stimmt jedenfalls kaum etwas. Der Film schafft es stellenweise kaum über Telenovela-Niveau und verpackt seine vermeintlich großen Fragen nach Schuld und Vergebung in ein Drehbuch, das so plump und angestaubt daherkommt, dass man sich tatsächlich fragt, ob man gerade einen Film aus dem Jahr 2026 oder aus einem anderen Jahrzehnt sieht.

Wenn Homosexualität und Pädophilie nebeneinanderstehen

John (Jack Huston) lehrt an einem kleinen College im US-amerikanischen Mittleren Westen. In schrecklich abgenutzten Schwarz-Weiß-Rückblicken erfahren wir, dass John einst dem 14-jährigen Sohn des Gärtners seines Vaters Klavierunterricht gab und diesen sexuell missbrauchte. Seitdem unterdrückt er seine Sexualität, sein Verhältnis zu seinem Vater (Bill Pullman, der hier ebenfalls nichts mehr retten kann) ist belastet und er führt eine freudlose Beziehung mit einer Professorin an seinem College, gespielt von Sofia Boutella.

Wie so oft bei Schrader existiert auch diese Frau vor allem als Projektionsfläche für die Ängste und moralischen Konflikte des männlichen Protagonisten. Dass sie Psychologie lehrt, erfahren wir bezeichnenderweise erst spät – als würde selbst diese Information vor allem dazu dienen, Johns Innenleben zu spiegeln.

Bei der Beerdigung seines Vaters taucht schließlich der Mann wieder auf, den John als Jugendlichen missbraucht hat (Daniel Zovatto), und die verdrängte Vergangenheit holt ihn ein.

Dass Schrader im Jahr 2026 noch immer einen Film macht, in dem Homosexualität und Pädophilie derart eng miteinander verknüpft werden, ist dabei nur eines von vielen Problemen.

Schuld und Vergebung mit dem Holzhammer

Auch dort, wo „The Basics of Philosophy“ eigentlich philosophisch werden möchte, bleibt kaum mehr als eine Sammlung von Plattitüden. Schrader will über Schuld, Vergebung und die Möglichkeit von Erlösung sprechen, findet dafür aber kaum subtilere Mittel als seine Figuren, die diese Themen immer wieder aussprechen lassen.

Selbst „Don’t Look Back in Anger“, die Oasis-Dokumentation, die ebenfalls in Venedig ihre Weltpremiere feierte, hat über Schuld und Vergebung mehr zu sagen. Und das, obwohl Liam und Noel Gallagher nun wirklich nicht dafür bekannt sind, besonders viel Zeit mit philosophischer Selbstreflexion zu verbringen.

Noch schlimmer wird es, wenn Schrader versucht, seine Gedanken tatsächlich auf die Leinwand zu bringen. Im letzten Drittel erscheint dem Protagonisten Baruch Spinoza, über den John ein Buch schreibt. Was vermutlich als philosophisch aufgeladener Schlüsselmoment gedacht ist, gehört zu den unfreiwillig komischsten Szenen des gesamten Festivals. Man weiß irgendwann nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll.

Paul Schrader hat mit „Taxi Driver“ und „Wie ein wilder Stier“ Filmgeschichte geschrieben. Das macht „The Basics of Philosophy“ allerdings nicht weniger katastrophal. Im Gegenteil: Gerade angesichts seines früheren Werks ist es schwer zu verstehen, wie ein derart unbeholfener und rückständiger Film im Wettbewerb eines der wichtigsten Filmfestivals der Welt landen konnte.

Vielleicht sollte man irgendwann aufhören, großen Namen automatisch mit großen Filmen zu verwechseln.

1