Mit „Agata the Writer“ feierte der australisch-polnische Regisseur Kuba Dorabialski im Rahmen der Giornate degli Autori beim Filmfestival Venedig Premiere. Im Mittelpunkt steht die polnisch-australische Schriftstellerin Agata, gespielt von Mia Wasikowska („Stoker”, „Alice im Wunderland”), die nach Sarajevo reist, um einen Roman über den Bosnienkrieg zu schreiben. Doch statt Inspiration erwartet sie vor Ort vor allem Misstrauen sowie eine Schreibblockade.
Dorabialski interessiert sich dabei für ein Gefühl, das viele Menschen aus der südosteuropäischen Diaspora kennen dürften: die diffuse Vorstellung einer kulturellen und sprachlichen Verbundenheit, die bei genauerem Hinsehen längst nicht so selbstverständlich ist, wie man vielleicht glaubt. Auch Agata reist mit einer gewissen Grundarroganz nach Bosnien. Ihre polnische Herkunft und ihre Sprachkenntnisse geben ihr zunächst das Gefühl, näher an der Region, ihren Menschen und ihrer Historie zu sein, als sie tatsächlich ist. Schnell muss sie feststellen, dass die kulturellen Unterschiede doch gravierender sind.
Daraus entwickelt „Agata the Writer“ einen eigenwilligen Blick auf migrantische Identität, Trauma-Tourismus und die Frage, wem eigentlich Geschichte gehört. Agata kommt nach Sarajevo, um über ein Trauma zu schreiben, das nicht ihr eigenes ist, und wird gleichzeitig mit einer Form von kultureller Aneignung konfrontiert, die weit über ihren Roman hinausgeht.
Mia Wasikowska in Bestform
Als Agata ist Mia Wasikowska perfekt besetzt: Ihre ohnehin so nachdenkliche, leicht entrückte Leinwandpräsenz passt hervorragend zu einer Frau, die permanent an ihrer Arbeit und zunehmend auch an sich selbst zweifelt.
Dorabialski erzählt das mit einer bewusst sperrigen Kunstsprache. „Agata the Writer“ wirkt dabei stellenweise fast mehr wie eine Videoinstallation als wie ein klassisches Drama – was keineswegs als Kritik gemeint ist. Besonders ein ausgedehnter, halbstündiger Monolog am Ende, der ausschließlich von kreischenden Violinen begleitet wird, macht allerdings deutlich, dass der Film es seinem Publikum nicht allzu leicht machen möchte.
Etwas schade ist, dass einige der Ideen dabei nicht konsequent weiterverfolgt werden. Warum verschwinden Gegenstände aus Agatas Wohnung? Was hat es mit der eigenartigen Obsession eines von ihr interviewten Bosniers auf sich? Und was genau steckt hinter einigen der Begegnungen, die der Film zunächst bedeutungsvoll auflädt? Viele dieser Fragen bleiben unbeantwortet.
„Agata the Writer“ ist sicher kein Film für jeden Geschmack, aber ein eigenwilliges, visuell interessantes Drama über kulturelle Identität, Projektionen und die Grenzen des eigenen Verständnisses.

