Der Donnerstag in Venedig beginnt mit der Weltpremiere eines Films eines heimischen Regisseurs: Der inzwischen 83-jährige Werner Herzog zählt zu den bedeutendsten Vertretern des internationalen Autorenfilms, prägte mit Filmen wie „Aguirre, der Zorn Gottes“ und „Fitzcarraldo“ das deutsche Kino der 1970er- und 80er-Jahre und arbeitete mehrfach mit Klaus Kinski zusammen, mit dem ihn eine der berüchtigtsten und zugleich produktivsten Regisseur-Schauspieler-Beziehungen der Filmgeschichte verband. Nun stellt Herzog also „Bucking Fastard“ im Sala Grande vor – eine Premiere, bei der er sich gewünscht hätte, sein Freund David Lynch, dem er den Film auch gewidmet hat, hätte dabei sein können, wie Herzog auf der Pressekonferenz erzählt.
Kate und Rooney Mara sind wunderbar seltsam
Im Mittelpunkt des Dramas stehen die Schwestern Jean und Joan Holbrooke. Ihre Geschichte ist lose vom wahren Fall der eineiigen Zwillinge Greta und Freda Chaplin inspiriert, die Anfang der 1980er-Jahre für Schlagzeilen in der britischen Boulevardpresse sorgten. Selbst der ungewöhnliche Filmtitel geht auf die beiden zurück: „Bucking Fastard“ war ein Versprecher, den die Schwestern einst gleichzeitig vor Gericht äußerten.
Jean und Joan sind unzertrennlich und versuchen, ein möglichst identisches Leben zu führen. Sie tragen die gleichen Kleider, imitieren die Bewegungen der jeweils anderen und beginnen sogar stets gleichzeitig zu sprechen. Kate und Rooney Mara, die zuvor noch nie gemeinsam für ein Filmprojekt vor der Kamera standen, sind in diesen Rollen fantastisch und laut eigener Aussage fiel es ihnen während der Dreharbeiten nicht einmal besonders schwer, synchron zu sprechen. Je länger man ihnen zusieht, desto mehr verschwimmen die Unterschiede zwischen ihren Gesichtern und Körpern – als würden auch die beiden Schauspielerinnen zunehmend zu einer einzigen Person verschmelzen.
Orlando Bloom mal anders
Eines Tages entwickeln Jean und Joan eine eigenwillige Obsession für ihren rowdyhaften Nachbarn Gareth, gespielt von Orlando Bloom in einer für den ehemaligen Teen-Herzensbrecher eher ungewöhnlichen Rolle. Nachdem ein Gericht eine einstweilige Verfügung gegen die Schwestern erwirkt hat, geraten sie ins Visier der Boulevardpresse und werden zu öffentlichen Sensationsfiguren.
Der von der Regierung eingesetzte Sozialarbeiter Timothy (Domhnall Gleeson) versucht daraufhin, den beiden bei der Anpassung an ein modernes Leben zu helfen. Doch Jean und Joan haben längst ein anderes Ziel: Sie sind überzeugt, dass irgendwo ein imaginäres Land existiert, in dem wahre Liebe möglich ist. Um dorthin zu gelangen, beginnen sie, einen Tunnel durch ein Gebirge zu graben…
Je weiter der Film geht, desto weniger weiß er, wohin
Dabei beginnt „Bucking Fastard“ durchaus charmant und originell. Die bizarre Beziehung der beiden Schwestern, die immer gleichzeitig sprechen, sich bewegen und irgendwann kaum noch voneinander zu unterscheiden sind, ist faszinierend. Kate und Rooney Mara gehen vollkommen in ihren Rollen auf und machen Jean und Joan gleichzeitig liebenswert, verstörend und wunderbar seltsam.
Leider verliert sich der Film zunehmend in seiner eigenen Idee. Gerade die langen Bergszenen im letzten Drittel ziehen sich gewaltig, während immer mehr lose Enden herumliegen, die Herzog nicht mehr wirklich aufgreift. Das exzentrische Ende entschädigt dafür ein Stück weit – wirkt aber gleichzeitig wie der Versuch, all das Unausgegorene noch irgendwie in einen größeren Zusammenhang zu bringen.

