Mit „Everytime“ liefert die österreichische Regisseurin Sandra Wollner, deren dritter Spielfilm in Cannes mit dem Hauptpreis der Sektion Un Certain Regard ausgezeichnet wurde, einen der bemerkenswertesten Beiträge des Festivaljahrgangs. In ihrem bislang stärksten Film gelingt es ihr auf eindringliche Weise, Verlust, Trauer und den mühsamen Versuch, den Alltag danach weiterzuleben, erfahrbar zu machen.
Ein Verlust, der drei Menschen verbindet
Jessii und Lux sind ein junges Paar, das nach einem MDMA-Trip den Sonnenaufgang über den Dächern Berlins beobachtet. Als Jessii die blutrote Sonne fotografieren will, stürzt sie vom Dach und stirbt. Zurück bleiben ihre Mutter Ella (Birgit Minichmayr), ihre jüngere Schwester Melli und Lux, von dem sie die Drogen bekommen hat. Drei Menschen, die derselbe Verlust unauflöslich miteinander verbindet. Während das Leben um sie herum unbeirrt weitergeht, suchen sie nach einem Weg, mit einer Leerstelle zu leben, die sich niemals ganz schließen lässt. Zwischen Schuldgefühlen, Sprachlosigkeit und Trauer kämpfen sie sich durch ihren Alltag – und genau darin entfaltet „Everytime“ seine größte Stärke. Wo viele Trauerfilme nach Trost suchen, interessiert sich Wollner für die Widersprüche des Verlusts. Dafür, dass Verstorbene gleichzeitig fort und doch noch da sind – als Erinnerung, als VHS-Aufnahme, als Sprachnachricht auf einem Handy.
Mit großer Sensibilität beobachtet Wollner, wie Trauer sich nicht in großen Ausbrüchen äußert, sondern in kleinen Gesten, Blicken und Routinen festsetzt. Das ist von einer bemerkenswerten Authentizität und tief berührend, auch wenn sich „Everytime“ immer wieder in sehr langen Einstellungen verliert, deren hypnotischer Rhythmus zwar die emotionale Erstarrung der Figuren widerspiegelt, den Film stellenweise jedoch unnötig zäh werden lässt.
Wenn die Realität Risse bekommt
Dann wagt Wollner einen (zweifellos polarisierenden) surrealen dritten Akt, der mit dem Vorhergegangen bricht: Der nüchterne Sozialrealismus weicht plötzlich einer magisch-realistischen Ebene, auf der das Unmögliche möglich zu werden scheint. Während einer gemeinsamen Reise der drei ungleichen Trauernden nach Teneriffa beginnt sich etwas zu verschieben: Die Grenzen zwischen Realität und Vorstellung lösen sich zunehmend auf. Plötzlich wirkt selbst die Sonne quadratisch und scheint endlich sogar stillzustehen.
Getragen wird „Everytime“ von einem beeindruckenden Ensemble. Birgit Minichmayr spielt Ella mit einer stillen Erschöpfung, hinter der jede Emotion permanent mitzuschwingen scheint und auch die jüngeren Darsteller verleihen ihren Figuren eine bemerkenswerte Authentizität,
Wen die wunderschönen, in nostalgisch flirrendes Licht getauchten Sonnenuntergänge an „Aftersun“ erinnern, liegt damit genau richtig: Für die Kamera beider Filme zeichnet Gregory Oke verantwortlich. Wie schon dort fängt er das Sonnenlicht nicht bloß als Naturkulisse ein, sondern macht es selbst zu einer stillen Protagonistin des Films.

