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Obsession – Inde Navarrette spielt sich in die Horror Hall of Fame

2026 entwickelt sich bislang zu einem außergewöhnlich starken Jahr für Horrorfilme. Neben dem enorm erfolgreichen Backrooms, der ebenfalls von einem Gen-Z-Regisseur inszeniert wurde und weltweit die Kinokassen klingeln ließ, sorgte in den USA auch Curry Barkers „Obsession“ für Aufsehen. Der gerade einmal 26-jährige Regisseur verwandelte sein niedriges Budget in ein Vielfaches an Einspielergebnis, und zahlreiche Stimmen bezeichnen den Film bereits als Horror-Highlight des Jahres. Auch in Berlin scheint der Hype angekommen zu sein: Sämtliche Previews sind bis auf den letzten Platz ausverkauft.

Wenn Liebe zur Obsession wird

Die Prämisse ist schnell erzählt: Der schüchterne Bear (Michael Johnston) ist heimlich in seine beste Freundin und Kollegin Nikki verliebt. Statt ihr jedoch seine Gefühle zu gestehen, kauft er in einem magischen Kuriositätenladen einen sogenannten „One Wish Willow“ und wünscht sich, Nikki möge ihn „mehr lieben als alles andere auf der Welt“. Der Wunsch erfüllt sich augenblicklich – allerdings mit verheerenden Konsequenzen. Die Frau, die plötzlich vor ihm steht, hat nur noch wenig mit der eigentlichen Nikki gemeinsam. Ihre Zuneigung schlägt zunehmend in Besessenheit, Kontrollzwang und Gewalt um.

Zugegeben: Die Grundidee eines Mannes, der sich die Liebe einer Frau herbeiwünscht und anschließend von den Konsequenzen überrollt wird, ist weder neu noch besonders originell. Durch seine radikale und kompromisslose Ausführung hebt sich „Obsession“ allerdings von Filmen mit ähnlicher Prämisse ab. Vor allem der ständige Wechsel zwischen beklemmendem Horror und absurden Comedy-Momenten funktioniert hier hervorragend.

Inde Navarrette stiehlt allen die Show

Dass „Obsession“ trotz vorhersehbarer Wendungen, einiger Längen, teils recht plumper Jump Scares und erstaunlich vieler Szenen vor Spiegeln oder in Autos dennoch so gut funktioniert, liegt vor allem an seiner Hauptdarstellerin Inde Navarrette. Ihre Performance ist phänomenal, ausdrucksstark und so eigenwillig, dass sie sich damit mühelos als eine der spannendsten Schauspielerinnen des Jahres empfiehlt. Mal wirkt sie beängstigend, mal tragisch, mal komisch – und oft alles gleichzeitig. Es würde nicht überraschen, wenn diese Rolle ihr dauerhaft einen Platz in der Horrorfilm-Geschichte sichert.

Den größten Schrecken entfaltet der Film dabei interessanterweise nicht in den Szenen, in denen Nikki mit irrem Grinsen wie festgenagelt herumsteht, markerschütternd schreit oder wie in Stop-Motion durch die Wohnung geistert. Wirklich verstörend wird „Obsession“ in den Momenten, in denen deutlich wird, dass die echte Nikki noch immer irgendwo in ihrem Körper gefangen ist. Sie muss mit ansehen, was die neue Version von ihr tut, ohne eingreifen zu können. Die wenigen Szenen, in denen die ursprüngliche Nikki kurz durchbricht, machen mit erschütternder Klarheit deutlich, dass alles gegen ihren Willen geschieht und sie den Verlust ihrer Autonomie kaum ertragen kann.

Lohnt sich „Obsession“? Unser Fazit zur Horror-Sensation

Gerade deshalb hinterlässt der Film einen zwiespältigen Eindruck: Denn obwohl er diese Idee aufwirft, bleibt er über weite Strecken bei Bears Perspektive und stilisiert ihn teilweise sogar zum Opfer seiner eigenen Entscheidungen. Statt die Konsequenzen dieses Horrors aus Nikkis Sicht konsequent weiterzudenken, verliert das Drehbuch schnell wieder das Interesse daran. Man wünscht sich fast, Barker hätte diese Ebene entweder deutlich stärker verfolgt – oder ganz weggelassen.

Hinzu kommt, dass der Film im letzten Drittel die Brutalität drastisch erhöht. Auffällig ist dabei, dass die Figuren, die besonders ausführlich und qualvoll Gewalt erfahren, ausschließlich Frauen sind. Während männliche Charaktere vergleichsweise schnell sterben, inszeniert „Obsession“ die Leiden seiner weiblichen Opfer mit deutlich größerer Ausführlichkeit. Besonders fragwürdig wirkt eine Szene, in der eine weibliche Figur ohne nachvollziehbaren dramaturgischen Grund splitterfasernackt auf einem Stuhl drapiert wird. Hier muss sich Barker durchaus die Frage gefallen lassen, ob er einen voyeuristischen Male Gaze reproduziert, den das Horrorgenre eigentlich längst emanzipiert haben sollte.

Diese Aspekte hinterlassen einen unangenehmen Nachgeschmack bei einem ansonsten äußerst unterhaltsamen und stellenweise bemerkenswert originellen Horror-Debüt. „Obsession“ ist kein Meisterwerk, aber ein Film, der beweist, dass in Curry Barker enormes Talent steckt – und dass Inde Navarrette gerade dabei sein könnte, sich zur nächsten großen Horror-Ikone ihrer Generation zu entwickeln.

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