Für „Noga“ haben die Brüder Jono und Benji Bergmann die israelische Künstlerin Noga Erez und ihren musikalischen wie privaten Partner Ori Rousso über fünf Jahre begleitet. Die Dokumentation feierte ihre Weltpremiere beim Tribeca Film Festival in New York, bevor Cast und Crew vergangene Woche zur Berlin-Premiere ins Cinema Paris kamen.
Noga Erez und Ori Rousso sind längst weit über Israel hinaus bekannt: Als musikalisches Duo haben sie es als eine der wenigen israelischen Acts geschafft, mit englischsprachiger Musik im eigenen Land den Mainstream zu erreichen, ihre Berliner Konzerte sind regelmäßig ausverkauft, kürzlich standen sie auf der Main Stage des Lollapalooza und traten als erste israelische Band überhaupt dieses Jahr beim Coachella auf.
Liebe, Trennung, Atlantic Records
Ursprünglich sollte „Noga“ vor allem die Geschichte eines Paares erzählen, das gemeinsam Musik macht und gleichzeitig lernen muss, mit dem steigenden Erfolg und der Öffentlichkeit umzugehen. Die Ausgangslage des Films klingt nach klassischem Musikdoku-Narrativ: Noga und Ori unterschreiben zu Beginn der Doku beim renommierten internationalen Label Atlantic Records, der ganz große Durchbruch scheint zum Greifen nah, zwei Monate nach Beginn der Dreharbeiten trennen sich die beiden allerdings vorübergehend.
Die ersten Kapitel der Doku, die in insgesamt neun, nach Songs von Noga Erez benannte Teile gegliedert ist, erzählen deshalb vor allem von gemeinsamen Songwriting, der Verarbeitung der Trennung in Musik und dem Versuch, trotz persönlicher Distanz weiter zusammenzuarbeiten und auf Tour zu gehen. Gleichzeitig nimmt die Karriere Fahrt auf: Missy Elliott ist an einer Zusammenarbeit interessiert, später steht plötzlich auch Robbie Williams auf dem Plan – die Szenen mit ihm gehören zu den wenigen völlig unbeschwerten Momenten des Films. Denn kurz darauf folgt der 7. Oktober 2023 – und mit ihm eine Zäsur, die nicht nur das Leben von Noga und Ori, sondern auch ihre Karriere grundlegend verändert.
Der 7. Oktober als Zäsur
Was folgt, ist der eindrücklichere Teil der Dokumentation. Die Bergmann-Brüder zeigen, welche Konsequenzen der 7. Oktober für Noga und Ori persönlich hat, für die israelische Gesellschaft, aber eben auch für ihre Arbeit als Musiker. Konzerte werden zunächst mit Sicherheitsbedenken abgesagt. Später wird immer offener, dass politische Gründe eine Rolle spielen. Veranstalter bitten die beiden, vor Auftritten bestimmte Botschaften zu veröffentlichen oder Aussagen zu treffen, um überhaupt auftreten zu können. Vor einem Konzert in Mexiko erreicht der Antisemitismus seinen vorläufigen Höhepunkt und ihnen wird sogar gedroht, man werde sie „zu Seife verarbeiten“, wenn sie die Show nicht absagen.
Wenn Musik plötzlich nicht mehr genügt
„Noga“ interessiert sich dabei weniger für eine einfache politische Positionierung als für die Frage, was mit Künstlern passiert, wenn plötzlich nicht mehr ihre Musik, sondern ihre Identität zum eigentlichen Gegenstand der öffentlichen Debatte wird. Noga spricht sich gegen die israelische Regierung aus und trauert um die Opfer auf beiden Seiten – und muss trotzdem erleben, dass diese Differenzierungen für manche nicht mehr zählen.
Gerade darin liegt die politische Stärke des Films: Er zeigt, wie schnell in einem zunehmend polarisierten Klima Zwischentöne verschwinden und Menschen für Dinge verantwortlich gemacht werden, die sie weder kontrollieren noch repräsentieren können.
„Noga“ ist eine intime und oft schmerzhafte Dokumentation über Musik, Liebe, Identität und die politischen Konsequenzen davon, plötzlich nicht mehr nur als Künstler, sondern als Repräsentant einer Herkunft wahrgenommen zu werden. Man kann nur hoffen, dass sich den Film gerade viele Menschen aus der Musik-Bubble anschauen: als unbequemes Plädoyer dafür, dass Solidarität nicht bei der eigenen politischen Komfortzone enden darf.

