Schon im Mai warteten viele Cannes-Besucher gespannt auf die Ankündigung von Alejandro González Iñárritus neuestem Film. Doch nicht nur das prestigeträchtige Festival an der Côte d’Azur musste ohne das heiß erwartete Projekt auskommen, auch am Lido in Venedig fehlte „Digger“ im Programm. Dabei bringt der Film eigentlich alles mit, was für einen Festival-Hype nötig wäre: einen der talentiertesten Regisseure seiner Generation und mit Tom Cruise einen der größten Filmstars der Welt.
Dass der Film nicht rechtzeitig fertig geworden wäre, kann es jedenfalls nicht gewesen sein. Kurz nach dem Filmfestival in Venedig feierte „Digger“ schließlich im vergleichsweise kleinen Rahmen in London Premiere. Also doch Angst vor einem „Joker“-mäßigen Kritiker-Verriss? Befürchtete man einen Flop, den man Cannes und Venedig lieber nicht zum Fraß vorwerfen wollte?
Zumindest an den Kinokassen scheint sich diese Sorge zu bestätigen. Auch die Kritiken fallen bislang weitgehend vernichtend aus. Und ja: „Digger“ ist ein exzentrischer und eigenwilliger Film. Aber schlecht? Bei weitem nicht. Vielmehr ist er visionärer, ambitionierter und risikofreudiger als vieles, was in diesem Festivaljahr auf den Leinwänden zu sehen war.
Eine Warnung aber vorweg: „Digger“ sollte man unbedingt spoilerfrei schauen. Entsprechend verrät auch diese Review nichts über die Wendungen des Film – was bei einem Plot, der nach etwa einer halben Stunde einen gewaltigen Twist bereithält, gar nicht so einfach ist.
Eine Gruppe Ignoranten und der Weltuntergang
Die ersten 30 Minuten sind ziemlich genau das, was der Trailer verspricht. Tom Cruise spielt Digger Rockwell, einen texanischen Ölbaron und grotesk überzeichneten Prototypen des mächtigen, narzisstischen Geschäftsmanns, der über Leichen geht, solange sein eigener Lebensstil unangetastet bleibt. Mit Prothesen und aufgesetztem Südstaaten-Akzent verschwindet Cruise vollständig in dieser Figur.
Die Handlung setzt ein, als eine von Diggers Bohrungen vor Grönland einen gigantischen Eisglätscher abbrechen lässt, der Richtung Europa treibt und dort Tod und Vertreibung in kaum vorstellbarem Ausmaß verursachen könnte. Plötzlich sitzen Digger, Regierungsvertreter und Wissenschaftler an einem Tisch und versuchen, mit einer Naturkatastrophe zu verhandeln, die sich nicht verhandeln lässt. John Goodman als wahnsinniger US-Präsident ist dabei fantastisch, ebenso wie Riz Ahmed als einer der Wissenschaftler, die versuchen, gegen die geballte Ignoranz anzukämpfen.
Tom Cruise in Bestform
Besonders stark ist ein etwa zehnminütiger Monolog in der Mitte des Films. Digger bleibt dabei genau die überzeichnete, narzisstische Figur, die er von Anfang an ist, hält uns dabei aber einen Spiegel vor: Wir klammern uns an unseren Komfort und unseren gewohnten Lebensstil, selbst wenn wir längst wissen, welchen Preis wir dafür zahlen. Solange die Konsequenzen unseres Handelns nicht unmittelbar in unserem eigenen Alltag spürbar werden, nehmen wir sie bereitwillig in Kauf und überlassen anderen die schmutzige Arbeit. Erst wenn das System kollabiert, suchen wir nach Schuldigen – am liebsten überall, nur nicht bei uns selbst.
Nach Jahren, in denen Cruise vor allem als unermüdlicher Actionstar zu sehen war, geht er in diesem Monolog so kompromisslos in dieser grotesken Figur auf, dass man ihm den texanischen Ölbaron tatsächlich abnimmt.
Und dann ist da noch unser Exportschlager Sandra Hüller. Als Diggers Halbschwester Emma darf sie ausnahmsweise nicht mit ihrem berühmten Understatement glänzen, sondern muss brüllen, weinen und gemeinsam mit dem restlichen Ensemble permanent an der Grenze zum Overacting balancieren. Emma, die lauteste Stimme für den Schutz der Natur, finanziert ihren Kampf gegen Diggers Ölgeschäft ausgerechnet mit dessen Geld. Jeder Rebell braucht in „Digger“ einen Sponsor.
Mit dem Holzhammer
Die größte Schwäche des Films ist sicherlich, dass Iñárritu seine Botschaft nicht subtil vermittelt, sondern mit dem Holzhammer auf die Leinwand schlägt. Auch beim Humor hat „Digger“ ein Problem: Er ist erstaunlich selten wirklich lustig.
Dabei hat Iñárritu mit „Birdman“ längst bewiesen, dass er Komödie beherrscht. Hier versucht er dagegen einen Großteil seiner Witze über Fäkalsprache und möglichst vulgäre Tiraden zu erzeugen. Statt zu provozieren, sorgt das irgendwann eher für Fremdscham – und ist symptomatisch für einen Film, der sich mit seiner eigenen Übertreibung bisweilen selbst im Weg steht.
Denn so laut, überladen und absurd „Digger“ auch ist: Gerade seine Kompromisslosigkeit macht ihn viel interessanter, als sein bislang katastrophales Kritiker-Image vermuten lässt.
2026 hat damit vermutlich bereits seinen polarisierendsten Film gefunden. Und allein, um bei der Diskussion mitreden zu können, sollte man „Digger“ gesehen haben.

