The Piano Tuner – Ein Heist-Movie in Dur und Moll

Mit „The Piano Tuner“ legt der kanadische Regisseur Daniel Roher seinen ersten Spielfilm vor – und beweist nach seinem Oscar-prämierten Dokumentarfilm „Nawalny“, dass er auch im fiktionalen Erzählen ein bemerkenswert sicheres Gespür besitzt. Für sein Spielfilmdebüt konnte er niemand Geringeren als Dustin Hoffman gewinnen, den man seit Jahren kaum noch auf der Leinwand gesehen hat und auch Jean Reno ist in einer Nebenrolle mit von der Partie.

Wenn absolutes Gehör zur Superkraft wird

Im Zentrum der Geschichte steht Niki (Leo Woodall), ein ehemaliges Klavier-Wunderkind mit absolutem Gehör. Nachdem eine Hyperakusis seine Karriere als Pianist beendet hat und selbst alltägliche Geräusche für ihn zur Qual werden, verdient er seinen Lebensunterhalt als Klavierstimmer in New York. Gemeinsam mit seinem Mentor Harry (Dustin Hoffman) zieht er von Auftrag zu Auftrag durch Konzertsäle und Luxusapartments. Als der Inhaber einer Sicherheitsfirma erkennt, dass Nikis außergewöhnliches Gehör nicht nur für Musikinstrumente, sondern auch beim Öffnen von Tresoren von Nutzen sein könnte, eröffnen sich für Niki neue lukrative Einnahmequellen – aber damit auch Risiken, die weit über einen gewöhnlichen Nebenverdienst hinausgehen.

Leo Woodall kann deutlich mehr als Charming Boy

Leo Woodall, bislang vor allem durch eher leichte Rollen in „The White Lotus“, „Zwei an einem Tag“ und zuletzt „Bridget Jones“ als charmanter Schönling bekannt, hat zuletzt bereits in „Nürnberg“ angedeutet, dass deutlich mehr in ihm steckt. Mit „The Piano Tuner“ meistert er nun seine erste große Hauptrolle mit Bravour. Auch Havana Rose Liu, die in dem Film die Kompositionsstudentin Ruthie spielt, bestätigt einmal mehr ihr Talent. Nach Auftritten in „Bottoms“ und dem Berlinale-Liebling „Lurker“ überzeugt sie hier auf ganzer Linie als Nikis vielschichtiges Love Interest. Vor allem die Chemie zwischen ihr und Woodall empfiehlt die beiden für weitere Besetzungen als Leinwandpaar.

Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal von „The Piano Tuner“ ist jedoch der Umgang mit Sound. Der jazzige Soundtrack macht großen Spaß, und das phänomenale Sounddesign versetzt das Publikum unmittelbar in Nikis subjektive Wahrnehmung und lässt uns hören, was er hört. Mal herrscht beinahe vollständige Stille, dann wieder werden alltägliche Geräusche zu einer überwältigenden akustischen Überforderung.

Logiklücken und Genre-Klischees bremsen den Thriller

Ganz frei von Schwächen ist „The Piano Tuner“ allerdings nicht. Einige Handlungselemente halten einer genaueren Betrachtung kaum stand. So stellt sich etwa die Frage, wie die Verbrecher ihre Coups zuvor überhaupt ohne Nikis Fähigkeiten durchführen konnten. Auch dass der Hauptantagonist seine illegalen Machenschaften schnell offenlegt, noch bevor Niki überhaupt zugestimmt hat, darüber zu schweigen – geschweige denn mitzumachen – entbehrt jeder Logik. Hinzu kommen einzelne Szenen, die auf allzu vertraute Genre-Klischees setzen,  etwa die obligatorische New-York-Montage, in der jemand quer durch die Stadt hetzt, um eine wichtige Aufführung nicht zu verpassen, unterbrochen von bedeutungsschwangeren Zwischenschnitten auf den leeren Sitzplatz im Publikum.

Dennoch gelingt Roher ein bemerkenswert unterhaltsamer Film, der mühelos zwischen Komödie, Thriller, Heist-Movie und RomCom wechselt, ohne dabei seinen eigenen Ton zu verlieren. Dustin Hoffman hätte man zwar gerne noch etwas häufiger gesehen, doch allein die Tatsache, dass der mittlerweile 88-Jährige für diese Rolle gewonnen werden konnte, ist bereits ein kleines Geschenk. Und dann ist da noch das Finale: eines der cleversten und befriedigendsten Filmenden dieses Kinojahres.

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