Wohl kaum ein Film des diesjährigen Cannes-Festivals wurde so sehnsüchtig erwartet wie „Her Private Hell“. Schließlich kehrt Regisseur Nicolas Winding Refn, verantwortlich für moderne Kultfilme wie „Drive“ und „Only God Forgives“, nach zehn Jahren Leinwand-Abstinenz erstmals wieder mit einem Spielfilm nach Cannes zurück.
Auch der Cast versprach Großes: Mit Sophie Thatcher aka Hollywoods derzeit beliebteste Scream Queen („Hereditary“, „Companion”), Charles Melton („Beef“) und Havana Rose Liu, zuletzt großartig im Berlinale-Liebling „Lurker“, versammelt Refn einige der derzeit spannendsten jungen Darsteller*innen Hollywoods. Auf der Pressekonferenz wurde er vom gesamten Ensemble (und sich selbst) nahezu ehrfürchtig als Genie gefeiert (inklusive Tränen und überschwänglicher Huldigungen seiner Arbeitsweise).
Mit entsprechend hohen Erwartungen blickte man also auf diesen Film – und merkt leider bereits nach wenigen Minuten, dass hier einiges schiefläuft.
Zwischen Kunstblut und Pseudophilosophie: Das größte Problem des Films
Die Handlung spielt in einer futuristischen Metropole, die dauerhaft in Nebel und Neonlicht (gähn) getaucht ist. Im Zentrum steht die junge Elle (Sophie Thatcher), deren Weg sich mit dem eines amerikanischen Soldaten (Charles Melton) kreuzt, der überzeugt ist, seine Tochter aus der Hölle retten zu müssen. Parallel bewegt sich Elle durch eine Welt aus dekadenten Hotel-Lobbys, Filmsets, Influencerinnen und einer psychopathischen Killerfigur, mit dem gnadenlos uninspirierten Namen “Leatherman”.
Schon die ersten Dialoge wirken derart bedeutungsschwanger und gleichzeitig inhaltsleer, dass man sich schnell dabei ertappt, innerlich auszusteigen. Das größte Problem des Films ist jedoch, dass einen schlicht nichts daran interessiert. Sophies Thatchers Figur bleibt emotional genauso unzugänglich wie die ihrer Stiefmutter und Ex-Geliebten, gespielt von Havana Rose Liu. Selbst die Storyline um Charles Meltons verzweifelten Soldaten, der seine Tochter retten will, erzeugt keine emotionale Beteiligung.
Nicolas Winding Refn verliert sich in seiner eigenen Ästhetik
Dabei ist Refn zweifellos ein Regisseur mit unverwechselbarer Handschrift. Doch „Her Private Hell“ wirkt weniger wie das Werk eines Filmemachers mit klarer Vision als vielmehr wie die Karikatur eines Nicolas-Winding-Refn-Films: endlose Zeitlupen, bedeutungsschwere Blicke, Neon, Kunstblut und pseudophilosophische Dialoge, die permanent suggerieren, etwas Tiefgründiges zu erzählen, ohne jemals dort anzukommen.
Am Ende bleibt ein Film, der sich für einen fiebrigen Albtraum hält, tatsächlich aber vor allem selbstverliebt und ein quälend langer Beweis dafür ist, dass Refn inzwischen offenbar glaubt, der neue David Lynch zu sein – davon jedoch so weit entfernt ist wie nur irgend möglich.

