Mit Cristian Mungiu kehrt einer der wichtigsten europäischen Autorenfilmer unserer Zeit nach Cannes zurück. Der rumänische Regisseur, der 2007 für sein Meisterwerk „4 Months, 3 Weeks and 2 Days“ die Goldene Palme gewann, präsentiert mit „Fjord“ einen Film, der sich erneut an den moralischen Grauzonen moderner Gesellschaften abarbeitet – und dabei den bislang stärksten Wettbewerbsbeitrag der diesjährigen Filmfestspiele liefert.
Zwischen Justiz, Moral und Kindererziehung
Im Zentrum steht eine streng gläubige Familie, die von Rumänien in ein norwegisches Dorf zieht. Als bei einer der Töchter blaue Flecken entdeckt werden, geraten die Eltern unter Verdacht, ihre Kinder zu misshandeln. Was folgt, ist eine zunehmend zermürbende Untersuchung durch Behörden und Justizsystem, die die Familie immer weiter destabilisiert. Gespielt werden die Eltern von Renate Reinsve (setzt nach „The Worst Person in the World“ und „Sentimental Value“ ihren bemerkenswerten Cannes-Lauf fort) und Sebastian Stan, die bereits in „A Different Man“ gemeinsam vor der Kamera standen und hier erneut eine beeindruckende Dynamik entwickeln.
Dabei interessiert sich „Fjord“ nie für einfache Antworten. Mungiu stellt hochkomplexe Fragen, ohne eine Seite zu glorifizieren oder die andere zu dämonisieren: Was passiert, wenn die Werte einer Familie mit denen der Gesellschaft kollidieren, in der sie leben möchte? Wie weit darf ein Staat in etwas so Intimes wie Kindererziehung eingreifen? Und wie tolerant sind liberale Gesellschaften tatsächlich gegenüber Lebensmodellen und Weltbildern, die nicht ihren eigenen entsprechen?
Die Barnevernet-Kontroverse als Inspiration für „Fjord“
Dass sich der Film dabei so präzise und unangenehm real anfühlt, kommt nicht von ungefähr. Der ehemalige Journalist Mungiu recherchierte jahrelang für „Fjord“, sprach mit NGOs, Jugendämtern und betroffenen Familien und wohnte in Norwegen Gerichtsprozessen bei. Inspirieren ließ er sich unter anderem von realen Fällen rund um den umstrittenen norwegischen Kinderschutzdienst Barnevernet: etwa von einer Norwegerin, die mit ihrer kleinen Tochter nach Polen floh, weil sie überzeugt war, der Staat wolle ihr das Kind wegnehmen – ein Fall, der schließlich sogar diplomatische Spannungen zwischen beiden Ländern auslöste.
„Fjord“ ist unbequem, komplex und erschreckend aktuell
Neben seinen inhaltlichen Qualitäten überzeugt der Film auch visuell: Die norwegischen Landschaften sind grandios eingefangen und verleihen der Geschichte eine bedrückende Schönheit. Gleichzeitig entwickelt „Fjord“ eine permanente Spannung, obwohl Mungiu nie auf klassische Thrillermechanismen zurückgreift. Stattdessen entsteht das Unbehagen aus Blicken, Gesprächen, bürokratischen Abläufen – und aus der Erkenntnis, dass hier niemand eindeutig Täter oder Opfer ist.
Mungiu gelingt damit ein mutiger, hochaktueller und bemerkenswert ambivalenter Film – und vor allem ein Plädoyer dafür, dass auch progressive Gesellschaften andere Meinungen und Lebensentwürfe aushalten müssen.

