In der zweiten Woche des Cannes-Festivals verstecken sich oft einige Genre-Perlen, die nach unzähligen mal mehr, mal weniger intellektuell herausfordernden Drei-Stunden-Dramen eine willkommene Abwechslung bieten. Eine davon ist Zachary Wigons „Victorian Psycho“, der am Donnerstag in der Nebensektion Un Certain Regard Premiere feierte und den ehemaligen Filmkritiker erstmals mit einem eigenen Film nach Cannes brachte.
Der Horror-Thriller erzählt von der Gouvernante Winifred Notty, die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Stelle in einem abgelegenen Herrenhaus antritt. Hinter ihrer zumeist kontrollierten Fassade verbergen sich jedoch zunehmend psychopathische Verhaltensweisen. Während sie sich um die Kinder des Hauses kümmert, beginnen nach und nach immer mehr Bedienstete unter mysteriösen Umständen zu verschwinden.
„Victorian Psycho“ erweist sich dabei als bis in die Nebenrollen perfekt besetzte, erfrischend originelle, humorvolle und erfreulich kurzweilige Horror-Satire. Vor allem Maika Monroe, die spätestens seit „It Follows“ und zuletzt „Longlegs“ endgültig zur gefragten Scream Queen geworden ist, zeigt hier ihre bislang stärkste Leistung. Anders als in ihren bisherigen Rollen ist sie diesmal nicht auf der Flucht vor dem Grauen, sondern verkörpert es selbst – und die Rolle verlangt ihr sichtbar deutlich mehr ab.
Aber auch Jason Isaacs („The White Lotus“), Thomasin McKenzie („Jojo Rabbit“) und Jacobi Jupe („Hamnet“) überzeugen. Umso bedauerlicher, dass es von den gerade Genannten niemand außer Maika Monroe zur Premiere nach Cannes geschafft hat.
Wigon gelingt ein Film, der seine viktorianische Ästhetik clever mit schwarzem Humor, Gore und Gesellschaftssatire verbindet, ohne dabei jemals prätentiös zu wirken. Gerade diese Spielfreude macht „Victorian Psycho“ zu einer der angenehmsten Überraschungen des Festivals.

