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Sinn und Sinnlichkeit – Daisy Edgar-Jones ist wie gemacht für Jane Austen

Braucht es nach Ang Lees fantastischem „Sinn und Sinnlichkeit“ von 1995 wirklich noch eine weitere Verfilmung von Jane Austens berühmtem Stoff? Und wie es die braucht! Fast 30 Jahre später hat auch eine neue Generation ihre eigene Adaption verdient – und Georgia Oakley macht daraus deutlich mehr als eine bloße Neuauflage.

Dabei könnten die Fußstapfen, in die ihr Cast treten muss, kaum größer sein: Emma Thompson und Kate Winslet spielten in der 90er Jahre-Verfilmung die Schwestern Elinor und Marianne Dashwood, Hugh Grant den schüchternen Edward Ferrars und Alan Rickman den Colonel Brandon. Eine Besetzung, mit der sich jede Neuinterpretation zwangsläufig messen lassen muss, aber Daisy Edgar-Jones und Esmé Creed-Miles machen ihre Sache allerdings hervorragend und müssen sich dabei keineswegs hinter ihren Vorgängerinnen verstecken. Gerade Edgar-Jones scheint wie gemacht für Historiendramen: Ihre zurückhaltende, leicht melancholische Präsenz passt perfekt zu Elinor, die ihre Gefühle deutlich stärker unter Kontrolle hält als ihre jüngere Schwester.

Marianne als romantisches Chaos in Person

Die vielleicht spannendste Entscheidung von Oakleys Adaption ist die Perspektivverschiebung auf Marianne, die emotionalere und impulsivere der beiden Schwestern. Dadurch entfernt sich der Film an einigen Stellen durchaus von Austens Vorlage, bleibt aber dem Wesen seiner Figur treu: Marianne ist rebellisch, idealistisch und eine Naturgewalt, die sich nur schwer in die gesellschaftlichen Regeln ihrer Zeit einfügen lässt.

Esmé Creed-Miles spielt sie mit einer wunderbaren Mischung aus Verletzlichkeit und Trotz. Marianne sieht dabei häufig aus wie das romantische Chaos in Person – zerzauste Haare, zerknitterte Kleider, völlig überwältigt von ihren eigenen Gefühlen. Gerade weil Marianne ihre Emotionen so ungefiltert auslebt, wird die Beziehung zu ihrer deutlich kontrollierteren Schwester Elinor umso wichtiger.

Überhaupt ist „Sinn und Sinnlichkeit“ mindestens genauso sehr ein Film über Schwesternschaft wie über die verschiedenen Liebesgeschichten seiner Protagonistinnen. Die beiden Schwestern bilden das emotionale Zentrum des Films und geben ihm eine zusätzliche Ebene, die weit über die romantischen Verwicklungen hinausgeht.

Der Klassiker bekommt neue Freiheiten

Eine der größten Stärken der neuen „Sinn und Sinnlichkeit“-Adaption ist aber ihr Humor. Der Film nimmt seine Figuren und ihre romantischen Verwicklungen nie so ernst, dass nicht immer wieder Platz für absurde Situationen und wunderbar überzeichnete Nebenfiguren wäre. Fiona Shaw stiehlt als Mrs. Jennings dabei regelmäßig allen die Show und sorgt für einige der lustigsten Momente des Films. Gleichzeitig erlaubt sich Oakley deutlich mehr stilistische Freiheiten als frühere Austen-Adaptionen.

Besonders die Tanzszenen fallen auf: Sie pfeifen bewusst auf historische Genauigkeit und wirken deutlich moderner, als es die Epoche eigentlich erlauben würde. Das ist nicht immer stimmig – und einige der Ball-Sequenzen sind schlicht zu lang –, passt aber zu Oakleys Versuch, Jane Austen nicht als museales Kulturgut zu behandeln und ihren Stoff für eine neue Generation zu erzählen.

Austen aus weiblicher Perspektive

Auch hinter der Kamera ist diese Neuinterpretation bemerkenswert. Vier Frauen stehen an der Spitze des Films – mit Georgia Oakley als Regisseurin, einer weiblichen Drehbuchautorin und zwei weiblichen Lead-Produzentinnen. Gerade bei der Neuinterpretation eines Werks von Jane Austen ist das ein schönes Beispiel dafür, was passieren kann, wenn ein Studio einer neuen Generation von Filmemacherinnen die Kontrolle über eine solche Geschichte überlässt.

3.5