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Hamnet – Zwischen Katharsis und Kalkül

Mit „Hamnet” erzählt Chloé Zhao die Geschichte hinter einer der berühmtesten Tragödien der Weltliteratur: Im England des 16. Jahrhunderts lernt der Lateinlehrer William Shakespeare Agnes kennen, sie heiraten und bekommen drei Kinder. Während William in London sein Glück als Dramatiker sucht, stirbt ihr gemeinsamer Sohn Hamnet – und der unterschiedliche Umgang mit diesem Verlust droht ihre Liebe zu zerreißen.

Leider versäumt es Zhao trotz einer Laufzeit von über zwei Stunden, uns die innige Bindung zwischen Shakespeare und seiner Frau – und vor allem zwischen Vater und Sohn – wirklich spürbar zu machen. Die Nähe, die später den Schmerz tragen müsste, bleibt zu skizzenhaft.

Dass der Film dennoch aufwühlt, liegt vor allem an Jessie Buckley, die als Agnes eine Performance von solcher Intensität liefert, dass eine Oscar-Nominierung garantiert ist. Ihr Spiel trägt Szenen, die das Drehbuch nur andeutet. Auch der zwölfjährige Jacobi Jupe als Hamnet ist eine Entdeckung. Überhaupt wird „Hamnet“ stärker von seinem herausragenden Cast getragen als vom Drehbuch selbst.

Zhao drückt hier und da etwas zu deutlich auf die Tränendrüse – etwa im Finale, wenn als ultimativer Tearjerker Max Richters „On the Nature of Daylight“ anklingt, jener Song, der schon in zahlreichen Filmen zuverlässig für feuchte Augen sorgen musste.

Als Agnes am Ende realisiert, dass durch Wills Stück „Hamlet“ Generationen von Menschen um ihren Sohn trauern werden, verdichtet sich der Film jedoch zu etwas Größerem: In dieser Erkenntnis liegt eine kathartische Kraft, die den Film über seine Schwächen hinaushebt – und ein intensives Ende von emotionaler Wucht ermöglicht.

3.5