Nach dem Oscar-nominierten „Das Lehrerzimmer” kehrt İlker Çatak drei Jahre später mit “Gelbe Briefe” zur Berlinale zurück – und gewinnt als erster deutscher Film seit 2004 sogar den Goldenen Bären für den Besten Film.
Eine Entscheidung, die sich jedoch weniger mit filmischer Größe erklären lässt als mit den nicht abreißenden Kontroversen des diesjährigen Festivals – und der offenbar dringenden Sehnsucht, in der Hauptkategorie zumindest einen „politischen“ Gewinner präsentieren zu können.
„Gelbe Briefe“ erzählt von Derya und Aziz, einem Künstlerehepaar aus Ankara, das ins Visier des Staates gerät und Arbeit wie Wohnung verliert. Was als präzise, mutige Kritik an Erdoğan und dem autoritären Klima in der Türkei ein eindringliches Werk hätte werden können, verliert seine Schärfe jedoch zunehmend.
Çatak vermischt politische Themen beinahe wahllos und macht seinen Film so zur universellen Parabel für alles und damit letztlich für nichts Konkretes.
Fast zynisch wirkt es, wenn der Professor-Protagonist seine Studierenden im Film dazu aufruft, eine „Free Gaza“-Demonstration zu besuchen, nur um im Anschluss vor ein türkisches Gericht gestellt zu werden. Die implizite Gleichsetzung der demokratisch geführten Auseinandersetzungen um Gaza-Proteste in Deutschland mit der systematischen Unterdrückung in der Türkei entzieht dem Film viel von seiner Glaubwürdigkeit.
Dass Özgü Namal und Tansu Biçer ihre Rollen mit spürbarer Intensität spielen, rettet einige Szenen – vor allem jene intimen Momente, in denen das Paar darüber streitet, wie viel Opportunismus man sich leisten darf, um den eigenen Wohlstand zu sichern. Hier blitzt kurz jene moralische Komplexität auf, die der Film insgesamt vermissen lässt.
Am Ende bleibt ein Werk, das große politische Ambitionen formuliert, sich aber in seiner eigenen Generalisierung verheddert – und dessen Auszeichnung mehr über das Klima des Festivals erzählt als über die Qualität des Films selbst.

